Angelika Taschen

Der Schein trügt oder: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Wenn man, selbst über einen langen Zeitraum, Zeitungsberichte über Massenmörder, Kinderschänder, Sexualmörder und Vergewaltiger verfolgt und liest, kommt darin stereotyp immer die gleiche Beschreibung vor. Die Nachbarn und Kollegen sagen alle, was für ein netter Mensch es gewesen wäre, man hätte ihm so etwas nie zugetraut, vielleicht ein bißchen ruhig und zurückgezogen wäre er gewesen, aber immer höflich und freundlich.
So ähnlich ergeht es dem Betrachter von Gabriele Lutterbecks Bildern auch. Auf dem ersten Blick, ein nettes Kindergesicht, ein hübsches Dessous, in wunderbar pastosen Farben auf die Leinwand gemalt. Fast schon dekorativ, kann man die Bilder an die Wand hängen und sie als freundlich und hübsch betrachten. Aber auch hier täuscht der Schein wie bei einem Massenmörder, der eigentlich immer ein freundlicher Nachbar war. Ein Blick auf den Titel genügt 'Ermordetes Kind I', 'Ermordetes Kind II', 'Windelmann' und einem gefriert das Lächeln in Gesicht. Was muß dieses süße Kind gelitten haben, als es vergewaltigt und ermordet wurde, was für eine schreckliche Mutter oder Vater und Kindheit muß dieser Mann gehabt haben, dessen größtes Glück es im erwachsenen Alter ist, gewickelt zu werden, Windeln zu tragen und ein Fläschchen zu bekommen.
Die vordergründig so schöne und heitere Welt der Gabriele Lutterbeck handelt von den tiefsten Abgründen des Menschen, schauerlich, pervers und kaputt. Eine ihrer Serien hieß 'Henkersmahlzeiten', dafür fotografierte sie in z.T. zart anmutenden Stil leben , was die zu Tode Verurteilten vor der Vollstreckung zu essen wünschten. Jedes Stilleben, jede Mahlzeit ein Psychogramm des Schwerverbrechers, aber auch der Gesellschaft, die die Todesurteile vollstreckt und die Menschen oft zu Mördern macht. Es erinnert an die Alten Meister, die in ihre üppigen Blumenbilder und Stilleben immer das Vanitas Motiv einbauen, ein Apfel der schimmelt, ein Käfer, der tot da liegt, ein Totenschädel der im Hintergrund hervor lugt.

Schöne heile Welt, die gibt es nur als Schein, aber bitte lassen Sie sich nicht davon abhalten, diesen schönen Schein zu genießen, z.B. indem Sie sich diese Bilder hier ansehen, denn nur so kann man die Abgründe aushalten. Wäre nicht das Schöne auf der Welt, wäre sie schon untergegangen. Oder um es mit Dostojewski zu sagen: "Schönheit wird die Welt erretten". Und Gabriele Lutterbeck arbeitet mit ihren Bildern daran.